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Wenn Musik politisch wird: Protestsongs gegen Artikel 13

Das Europäische Parlament, die Kommission und der Rat der Mitgliedsstaaten verhandeln über die Reform des EU-Urheberrechts. Der Vorschlag schreibt Dienstanbietern im Internet vor, wirksame Erkennungstechniken einzusetzen, um urheberrechtlich geschütztes Material bereits vor dem Upload und der Veröffentlichung zu erkennen und zu blockieren. Falls trotzdem geschütztes Material veröffentlicht wird, würde mit dieser Neuerung nicht mehr der Veröffentlicher, sondern der Dienstanbieter (z.B. Google, Twitter, Instagram) haften. Experten, Medienschaffende und Internetnutzer kämpfen gegen die derzeitige Ausführung der Reform, speziell gegen Artikel 11 und Artikel 13. Die Vorgaben der Reform seien nur durch sog. „Upload-Filter“ einhaltbar.

Das Problem an den Upload-Filtern: Eine künstliche Intelligenz, die zwischen Kopien, Referenzen und Parodien unterschieden und gezielt aussortieren soll, sei technisch niemals fehlerfrei und organisatorisch nicht umsetzbar. Tausende Menschen demonstrieren auf den Straßen in Köln und Berlin und mehr als fünf Millionen Menschen unterschrieben die Petition, gegen Uploadfilter. Neben vielen Aktions- und Aufklärungsvideos, machen sie mit Plakaten, Postings und Musik auf die bevorstehende Entscheidung des EU-Parlaments aufmerksam.

Warum ist Musik für den Protest so wichtig?

Sie machen richtig Stimmung. Lieder, die während den Demonstrationen gespielt oder gemeinsam gesungen werden, ermutigen die Befürworter und drücken die Ideen der Bewegung, Wissen und Wertvorstellungen zu Upload-Filtern aus. Neben den Shouts der Demonstranten, wie „Wir sind die Bots!“, stärkt Musik grundsätzlich die Gemeinschaft und den Zusammenhalt der Menschen, die öffentlich als Gruppe protestieren. Schon mal randaliert beim singen? Die Demonstrationen gegen Artikel 11 und Artikel 13 sind bewusst friedlich. Die Demonstranten wollen nicht randalieren und zerstören, sondern andere Menschen und Politiker wach rütteln, um sich öffentlich gegen die Reform zu stellen. Musik spricht da eine andere Ebene an, als Reden und Statements. Sie trifft (bestenfalls) direkt ins Herz und verknüpft das sachliche Thema mit Emotionen und Gefühlen.

Gehasst oder gefeiert: Die Lieder identifizieren eindeutig eine politische Bewegung. Auch nach den öffentlichen Auftritten wird die Musik weiter getragen. Ob im Wohnzimmer mit der Familie, laut per Bluetooth Box auf der Straße oder mit Freunden beim entspannen, das Thema wird wieder präsent, wenn ein solches Lied gespielt wird. Songs mit hohem Identifikationsfaktor und eingängigen Melodien, können in diesem Rahmen schnell bekannt werden. Einige Künstler veröffentlichten Musikvideos, die sich gezielt mit Artikel 13 beschäftigen.

Kritik an den Liedern

Die Masse der Musik wirkt. Musiker fordern mit ihren Liedern auf, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, Politiker anzusprechen und bestärken die Aktivisten. Andere reflektieren den politischen Konflikt und wiegen Pro und Kontra gegeneinander ab. Mehr als nur Unterhaltung: die Hörer werden zum Nachdenken und Handeln angeregt und darauf kommt es an. Die Lieder sind vielen unterschiedlichen Genres zuzordnen: Von Pop n‘ Rock, Hip Hop, Rap und Techno ist alles dabei. So facettenreich, wie die Gesellschaft und eben auch die Protestler sind, ist auch ihr Musikgeschmack. Dass sie alle Menschen mit Charakter sind, besingt auch MaximNoise „Ich bin doch keine Maschine – ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Guten Tag wir sind das Internet.“, der diese Zeile aus dem Song „Keine Maschine“ von Tim Bendzko, adaptiert.

Einige wenige Disstracks gegen politische Gegner kontern nicht (nur) sachlich, sondern rufen zur Gewaltanwendung auf oder verherrlichen politische Hetze. Ein gutes Gegen-Beispiel von Rap Musik, mit Inhalt und Punchlines, die bei dem Thema ohne Gewalt auskommt, ist Raportagen. „Wir klären das hier friedlich, nicht aggressiv mit Kalaschnikows.“ rappt er in seinem Disstrack „Axel Voss / Artikel 13“ gegen den deutschen Politiker, der seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlament ist und sich öffentlich für die Urheberrechtsreform ausspricht.

Im Extremfall kann die ursprüngliche Idee von politischen Liedern sogar ausgenutzt werden. Wenn der Protest bloßes Vehikel der eigenen Vermarktung ist, wird es eklig. Mitmachen, um dabei zu sein und von dem politischen Engagement zu profitieren. Genau das wirft der Youtuber MrTrashpack bei der Demonstration in Berlin Simon Will vor: „Simon Will singt jetzt seinen Song, den er gemacht hat, um mehr Reichweite zu generieren. […] und um Merch zu verkaufen.“ Selbst wenn es anders gemeint ist, können Protestlieder zur Ergänzung der Welt werden, gegen die sie protestieren.

Kein Hate – Sondern Engagement

Viele Creator und Medienschaffende setzen sich auf kreative Art und Weise ein, klären auf und versuchen inhaltlich an der Debatte teilzunehmen. Die Songs auf Protestwagen, Aufklärungsvideos, Liedern, Shouts, gebastelten Schildern, Fotos mit zugeklebten Mund und Hashtags sind eine sinnvolle und erfolgreiche Methode, um auf die Thematik aufmerksam zu machen. Protestlied, Disstrack oder Parodie, sie zeichnen sich in erster Linie durch den Text aus. Es lohnt sich deshalb, auch einem ungewöhnlichen Genre eine Chance zu geben.

*Gewaltverherrlichende Lieder habe ich absichtlich nicht in der Liste aufgeführt. Diesen Texten möchte ich keine Plattform bieten und es sind verhältnismäßig wenige und kleine Künstler. Bei Demonstrationen kam es nicht zu Ausschreitungen.

Titelbildquelle / Bildquellen des Artikels

  • pexels-photo-1586034: Fabian

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